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Auch das noch

Gefühlt männlich

Veröffentlicht am 28. 11. 2025.

Das generische Maskulinum ist eine geschlechtsunabhängige Personenbezeichnung, sagt die überwiegende Mehrheit der Sprachwissenschaftler.

Genau das ist es nicht, sagen Vertreter der sogenannten Gender-Linguistik, allen voran Luise F. Pusch. Man würde dabei hauptsächlich an Männer denken, Studien würden das beweisen. Ihm wohne deshalb ein „male bias“ inne, also ein männlicher Überhang gegenüber einer Geschlechtergleichverteilung. Da viele mit dieser maskulinen Form männliche Personen assoziierten, sei das generische Maskulinum nur „pseudogenerisch“.

Was stimmt denn nun?

Da sind zunächst die Studien1, auf die sich die Gendersprachenbefürworter beziehen. In der Tat kommen fast alle von ihnen zu dem Ergebnis, dass die Testpersonen bei den im Test untersuchten generischen Maskulina mehrheitlich an männliche Personen denken. Der Befund scheint also klar zu sein.

Kritiker dieser Studien sprechen allerdings den Studienergebnissen ihren wissenschaftlichen Wert ab. Sie führen dazu mehrere Punkte an:

– Die untersuchten Testsätze beschrieben Situationen, die in der sprachlichen Realität so gar nicht gesprochen werden würden.

– Die Testpersonen seien in vielen Fällen Mitglieder des Instituts, das den Test konzipiert und durchgeführt habe, sie seien daher weder von ihrem politischen Hintergrund, ihrem sozialem Umfeld und ihrem Alter repräsentativ für den Durchschnitt der Bevölkerung.

– Die Autoren der Studien seien wissenschaftlich nicht unabhängig, denn als Mitarbeiter der sich mit Genderfragen befassenden universitären Abteilungen würden sie von Fördermitteln profitieren, deren Bewilligung durch ein entsprechendes Ergebnis positiv beeinflusst werden würde.

– Sollten die Tests als Ergebnis keinen „male bias“ aufzeigen, sondern eine Geschlechtergleichverteilung der mit dem generischen Maskulinum verknüpften Assoziationen, würde das gesamte Genderkonzept in sich zusammenbrechen. Eine stärkere Motivation, die Tests in der „entsprechenden Weise“ durchzuführen, könne es kaum geben.

– Und nicht zuletzt sei es konzeptionell falsch, das generische Maskulinum, das sich dadurch auszeichnet, für KEIN Geschlecht zu stehen, in Assoziationsstudien einem der beiden Geschlechter zuordnen zu lassen. Genau diese Verknüpfung mit einem Geschlecht steht außerhalb der Funktion des generischen Maskulinums.

Auch wenn diese Kritikpunkte Gewicht haben, bleibt festzuhalten, dass viele Menschen mit dem formalen generischen Maskulinum, z. B. „Schüler“, in der heutigen Zeit nur männliche Schüler verbinden. Das ist auch nicht verwunderlich. Wenn bereits Grundschüler von ihren Lehrern mit „Schülerinnen und Schüler“ angesprochen werden, verbinden immer mehr dieser Schüler mit der maskulinen Form das biologisch männliche Geschlecht. Ich verweise dazu auf diesen Leserbrief×.

Oder wenn der Duden in seiner online-Ausgabe beispielsweise unter „Arzt“ nur noch einen biologisch männlichen Arzt präsentiert und den auch noch mit dem einprägsamen Bild eines freundlich dreinschauenden „Herrn Doktor“ verknüpft, dann werden viele dahingehend beeinflusst, das genauso zu sehen, ohne groß darüber nachzudenken. Auch die Fernsehwerbung für Heilmittel trägt dazu bei: „… und fragen Sie ihre Ärztin, Ihren Arzt …“.

Das gleiche gilt für Genderformen im öffentlich-rechtlichen Rundfunk und anderen öffentlichen Medien, in Leitfäden von Hochschulen oder öffentlichen Verwaltungen, in Äußerungen von Politikern, in Werbetexten und dergleichen mehr. Immer dort, wo das generische Maskulinum durch Genderformen ersetzt wird, insbesondere durch die Doppelnennung, werden immer mehr Leser oder Hörer die maskuline Form als für Männlich stehend interpretieren.

Insofern haben auch die erwähnten Genderstudien nicht nur einen Zustand („male bias“) beschrieben, wenn auch wissenschaftlich höchst angreifbar. Ihre Ergebnisse haben auch bewirkt, dass dies (durch positive Rückkopplung) zu einer Verstärkung dieses „male bias“ geführt hat und weiter führt.

So stehen wir heute an dem Punkt, an dem in großen Teilen der Bevölkerung die maskuline Personenbezeichnung als „gefühlt“ männliche Bezeichnung „gelesen“ wird.

Sollten wir daher unter diesen Umständen jetzt erst recht auf das generische Maskulinum verzichten? Und wäre damit dessen Schicksal besiegelt?

Keineswegs. Es gibt viele gute Gründe, am generischen Maskulinum festzuhalten.

Ich nenne zunächst die Sprachökonomie. Das generische Maskulinum stellt einen Sammelbegriff für Personen immer dann dar, wenn das biologische Geschlecht dieser Personen nicht bekannt oder nicht relevant ist („Alle Schüler finden sich um acht Uhr auf dem Schulhof ein“). Damit reduziert sich die Benennung der biologischen Geschlechter auf die Fälle, in denen deren Nennung sprachlich notwendig ist („Die männlichen Schüler sollen sich bitte anschließend in die Turnhalle begeben“).

Zu nennen sind auch die Systemfehler der Gendersprache selbst. Ich habe diesen intrinsischen Fehlern einen eigenen Artikel gewidmet.

Auch die Schönheit der deutschen Sprache, um die uns viele beneiden, ihre Ästhetik, Klarheit und Prägnanz sollen nicht unerwähnt bleiben. Sie würden erheblich unter der gelegentlichen oder gar dauerhaften Vermeidung des generischen Maskulinums leiden.

Ich möchte den Fokus aber auf einen anderen Punkt lenken, nämlich auf die Wandlung der Interpretation des generischen Maskulinums, und damit verbunden, auf die Änderung seines Gebrauchs.

In Vor-Gender-Zeiten, d. h., vor dem Erscheinen des „Männersprachen-Buchs“ von Frau Pusch, interpretierten die weitaus meisten Angehörigen des deutschen Sprachraums diese maskuline Form noch vollkommen generisch: Bürger einer Stadt war jeder Einwohner, der in dieser Stadt seinen Wohnsitz hatte, unabhängig von seinem biologischen Geschlecht. Die maskuline Form sagte nichts über das biologische Geschlecht der Person aus und wurde von nahezu allen auch so verstanden.

Wurde andererseits von einem Arzt, Pfarrer oder Handwerker gesprochen, wurde dabei tatsächlich in den meisten Fällen an einen Mann gedacht, einfach weil dies der Lebenswirklichkeit in dieser Zeit entsprach. Das generische Maskulinum „Arzt“ hatte zwar den weiblichen Arzt, die „Ärztin“, als Bedeutungsinhalt nicht ausgeschlossen, doch in jener Zeit war der Beruf des Arztes stark männerdominiert.

Im deutschen Sprachraum haben wir uns entschieden, der Wandlung der Berufsbilder Rechnung zu tragen, indem wir diese auch sprachlich abbilden. „Ärztinnen und Ärzte“ heißt es daher heute. Die deutschsprachigen Gesellschaften sind dazu übergegangen, dem generischen Maskulinum die Fähigkeit abzusprechen, beide Geschlechter repräsentieren zu können. Doch das ist weniger eine linguistische Frage, sondern eher eine des gesellschaftspolitischen Konsenses.

Die Engländer sind einen ganz anderen Weg gegangen. Der „teacher“ ist dort nicht gefühlt männlich wie bei uns der „Lehrer“. Es ist vielmehr so, dass der weibliche „teacher“ auch eine „teacheress“ sein kann, dass jedoch eine englische Lehrerin keinesfalls so angesprochen werden möchte. „Teacheress“ klingt in englischen Ohren überaus altbacken und eher abwertend.

Die deutsche Schriftstellerin Nele Pollatschek, die in England promovierte und sich selbst „Schriftsteller“ nennt, sagt: „Der Weg zu Gleichheit ist Gleichheit. Wer will, dass Männer und Frauen gleich behandelt werden, der muss sie gleich behandeln und das heißt, sie gleich zu benennen.“

Weiter weist Frau Pollatschek darauf hin, dass der englische „Guardian“, die „Zeitung der feministischen Linken“, in der Zeit, als Deutschland begann, Berufsbezeichnungen geschlechtsspezifisch zu benennen, den gegenteiligen Weg einschlug: Gerade weil inzwischen „die Berufe allen Geschlechtern offenstehen“, auf die Einzelnennung (z. B. „Schauspielerinnen und Schauspieler“) zu verzichten und „nur noch das Wort ‚Actor‘ zuzulassen und ‚Actress‘ zu streichen.“ „Im ‚Guardian‘ ist das generische Maskulinum progressiv“, sagt sie.

Warum also „fühlen“ Engländer bei dem Wort „Actor“ keine biologische „Männlichkeit“, „wir Deutschen“ bei dem Wort „Schauspieler“ aber schon?

Weil es uns so eingeredet wurde, immer und immer wieder, lautet meine Antwort. Tagtäglich müssen wir uns die Albernheit der Doppelnennung zumuten lassen, in der die maskuline Form tatsächlich für männlich steht. Doch es gibt keinen zwingenden Grund dafür, dass man darunter eine männliche Person verstehen muss. Warum tun „wir“ es bei einem „Mieter“, bei einem „Rechner“ aber nicht? Der dazu gehörige Wortbildungsprozess ist schließlich exakt der gleiche: Wortstamm plus Suffix „er“.

Wenn aber das, was wir unter einer maskulinen Form verstehen, nur ein „Gefühl“, nur eine Konvention ist, dann können wir uns auch auf etwas anderes einigen: Darauf nämlich, dass die maskuline Form keine biologische Geschlechtsbezeichnung ist. Die einzige Voraussetzung dafür ist: Wir müssen es wollen.

Dennoch wird es viel Zeit kosten, bis wir diesen gesellschaftlichen Konsens erreicht haben, es wird Widerstände geben. Auch wenn das Ziel vermutlich weit in der Zukunft liegt, können wir schon heute damit anfangen:

Frauen könnten es Nele Pollatschek gleichtun und von sich sagen: Ich bin Lehrer, Mitarbeiter, Mieter, Wissenschaftler etc. Das wird zunächst Erstaunen auslösen, aber auch Nachahmer finden, so, wie auch das Gendern Nachahmer gefunden hat.

Und was können wir Männer tun? Wir könnten sagen: Meine Frau/Schwester/Tochter ist Lehrer, Anwalt, Erzieher etc. Denn dies sind keine Geschlechtsbezeichnungen, sondern Funktionsbezeichnungen.

Natürlich sollten sich auch beim Gendern selbst alle zurückhalten. Gerade die Doppelnennung trägt stark dazu bei, dass sich die maskuline Form als Männlich „anfühlt“.

Wem es schwerfällt, sich so zu positionieren, der möge sich erinnern: Nicht-Genderer sind die Mehrheit, nicht die Minderheit.

 

1 Ernst Natt: Falsch abgebogen – Holzweg Gendersprache, Kapitel 2.3, Seite 51 ff, tredition, Ahrensburg (2023).

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