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Gender vor Deutsch?

Gender-Notlösungen

Veröffentlicht am 12. 12. 2021, aktualisiert am 27. 4. 2022.

Als Le­ser oder Hö­rer wird man fast in je­dem zwei­ten Satz da­rauf auf­merk­sam ge­macht, dass sich unter den „Be­su­chern“, „Leh­rern“, „Er­zie­hern“ etc. nicht nur Män­ner, son­dern auch Frau­en be­fin­den („Be­su­cher­innen und Be­su­cher“, „Leh­rer­innen und Leh­rer“, „Er­zie­her­innen und Er­zie­her“ etc.). Dass das auf den Emp­fän­ger die­ser Bot­schaf­ten auf die Dau­er ein­tö­nig und er­mü­dend wirkt, gleichzeitig auch von der eigentlichen Botschaft ablenkt, scheint den Ver­fas­sern die­ser Texte auch klar zu sein. Daher hat man sich ver­schie­dene, als „kreativ“ be­zeich­nete Not­lö­sungen aus­ge­dacht:

1. Männliche und weibliche Plural­formen im Wechsel:

Um das ge­ne­ri­sche Mas­ku­li­num mög­lichst zu ver­mei­den, aber den­noch nicht beide Plural­for­men nen­nen zu müs­sen, ver­sucht man sich um das Prob­lem herum­zu­mo­geln, in­dem man die weib­lichen und die männ­lichen Plu­ral­formen ab­wech­selnd nennt: „Künst­ler­innen (f. pl.), Mu­si­ker (m. pl.) und Kom­po­nistin­nen (f. pl.) …“ (Ori­gi­nal­ton Deutsch­land­funk). Prak­tisch­er­weise könn­te man diese Aus­drücke auch schön zu­sam­men­fassen: „Künst­ler-, Musi­ker- und Kom­po­nist[Sprech­pause]innen“ (wenn man schon „sprach­gendern“ möchte). Aber, da dabei die bei­den ers­ten Aus­drücke mit dem ge­neri­schen Mas­ku­li­num ver­wech­selt wer­den könn­ten, die sie hier aber nicht sind, geht das na­tür­lich nicht.

In den 6 Uhr Nach­rich­ten des Deutsch­land­funks vom 19.03.2021 war zu hö­ren: „Die Grün­der des Impf­stoff­ent­wick­lers BioNTech, Özlem Türeci und Ugur Sahin, er­hal­ten heu­te das Bun­des­ver­dienst­kreuz […]. Bun­des­prä­si­dent Stein­meier wird die bei­den Wis­sen­schaft­ler und Un­ter­neh­mer­innen mit dem […] aus­zeich­nen. […] Die bei­den For­scher­innen und Un­ter­nehmens­grün­der ver­bän­den me­di­zi­nische Grund­lagen­for­schung mit deren Über­set­zung in eine prak­ti­sche Nut­zung, teilte […] mit.“ Auch wenn man als „Nicht-Gen­der­er“ den In­halt die­ser Nach­richt mühe­los ver­steht, bleibt doch fest­zu­hal­ten, dass der mit der Aus­zeich­nung be­dach­te Herr Sahin, gül­ti­gen Gram­ma­tik­re­geln fol­gend, als Un­ter­neh­merin und For­scherin be­zeich­net wur­de. Ich hof­fe, dass er Bes­se­res zu tun hat­te, als sich die­se Zu­wei­sung an­zu­hö­ren.

Ob­wohl ich ein Mann bin und mich genau so fühle, oder viel­leicht ge­ra­de des­halb(?), muss auch ich mich fast täg­lich von öf­fent­lich-recht­lichen Sen­dern wahl­weise als Zu­schau­erin oder Hörerin an­sprechen las­sen („Liebe Zu­schau­erinnen und Hörer“, oder um­ge­kehrt) als Dank für meine Rund­funk­ge­büh­ren, die ich an­sonsten gerne zahle.

Die Frau­en unter den Lesern die­ses Tex­tes wer­den mög­lich­er­weise ein­wen­den, dass sie durch das ge­ne­ri­sche Mas­ku­li­num doch stän­dig in der Plu­ral­form als Män­ner an­ge­sprochen wür­den. Das ist aller­dings ein Trug­schluss, eine opti­sche bzw. akus­tische Täu­schung so­zu­sagen. Die Plu­ral­form „Leser“ z.B. ist nicht etwa männ­lich­en Ge­schlechts, son­dern sie be­sitzt gar kei­nes, ist also ge­schlechts­neu­tral. Die En­dung „-er“ wan­delt das Verb „le­sen“ in ein Sub­stan­tiv um: „Leser“. Nur aus der Gleich­heit der En­dung „-er“ in der Plu­ral­form „Leser“ und in der männ­li­chen Form „männ­liche(r) Leser“ (s.u.) lei­ten Be­für­wor­ter der Gen­der­-Spra­che ab, dass mit der Plu­ral­form „Leser“ nur Män­ner ge­meint sei­en. Wie zuvor schon beschrieben, stellt die Genus-En­dung „-er“ ist aber kei­ne sexus­spe­zi­fi­sche En­dung dar. In Wirk­lich­keit wer­den mit „Leser“ nicht nur Frau­en, son­dern auch Män­ner und alle anderen, die es noch geben mag, „mit­ge­meint“! Nach der über­wie­gen­den Mehr­heit der Sprach­wis­sen­schaft­ler gibt es für aus­schließ­lich männ­li­che Leser im Deut­schen gar kei­nen Aus­druck, wohl aber für weib­liche: „Leser­innen“, wo­rü­ber sich mei­nes Wis­sens bis­her noch kein Mann be­klagt hat. Ein aus­schließ­lich männ­licher Le­ser muss als sol­cher aus­drück­lich her­vor­ge­ho­ben wer­den, eben als „männ­licher Leser“. Frau­en soll­ten da­her nicht auf­hö­ren, wei­ter­hin Leser­briefe zu schrei­ben!

Wenn man aber ins­be­son­dere die Frau­en auf je­den Fall er­wäh­nen möch­te, wäre mein Vor­schlag: „Leser­innen und andere (od. weitere) Leser“. Die Leser­innen würden dadurch „sichtbar“ gemacht und das generische Maskulinum in seiner Sammel­funktion bliebe erhalten.

2. Inkon­se­quenz als Aus­weg

Würde man ver­su­chen, ohne das ge­ne­ri­sche Mas­ku­li­num aus­zu­kom­men, wären z.B. fol­gen­de Texte un­aus­weich­lich:

Die heu­ti­ge Be­völ­ke­rung des Viel­völ­ker­staats Irak setzt sich zu­sam­men aus Ara­be­rin­nen und Ara­bern (75-80%), Kur­din­nen und Kur­den (15-20%), Tur­ko­ma­ninnen und Tur­ko­ma­nen (5%), Assy­re­rinnen und Assy­rern (600 000), Ar­me­nier­innen und Ar­me­niern (10 000) und wei­te­ren eth­ni­schen Grup­pen.

Oder noch kon­se­quen­ter: … setzt sich zu­sam­men aus Ara­be­rinnen und Ara­bern (je 37,5-40%), Kur­din­nen und Kur­den (je 7,5-10%), Tur­ko­ma­ninnen und Tur­ko­ma­nen (je 2,5%), Assy­re­rinnen und Assy­rern (je 300 000), Ar­me­nie­rin­nen und Ar­me­niern (je 5 000) und …

Oder: Die drei größ­ten Städte Deutsch­lands sind Ber­lin (je ca. 1 835 000 Ein­wohner­innen und Ein­wohner), Ham­burg (je ca. 923 600 Ein­wohner­innen und Ein­wohner) und Mün­chen (je ca. 742 000 Ein­wohner­innen und Ein­wohner). (Hier könnte man sich allerdings noch mit der Partizipialform „Einwohnende“ o.ä. vor dem generischen Maskulinum „retten“). Trotzdem: Die­je­ni­gen, die sich we­der dem männ­lichen noch dem weib­lichen Ge­schlecht zu­ord­nen, blie­ben bei der Beidnennung aller­dings un­be­rück­sich­tigt und müss­ten dann je­weils ge­son­dert ge­zählt wer­den!

Sollten Sie Gefallen an amüsanten Beispielen finden, wie wäre es mit diesem?

Aber Kon­se­quenz ist die Sache der „Gen­der­sprach­ler“ nicht, aus gutem Grund, denn dann wür­den die Un­zu­läng­lich­kei­ten des Sprach­gen­derns offen zutage treten. Um aber die Schwä­chen des ei­ge­nen Kon­zepts zu ver­ber­gen, sucht man sein Heil in der In­kon­se­quenz und lässt ge­le­gent­lich, aber wohl­do­siert, schon mal ein ge­ne­ri­sches Mas­ku­li­num durch­ge­hen. Schließ­lich hat man ja auch mit we­ni­gen Gender-Aus­drücken, gerne am An­fang der Ge­schich­te, sei­nen po­li­ti­schen Stand­punkt kundgetan. Aber das hat na­tür­lich sei­nen Preis: Da nicht ein­deu­tig ge­klärt ist, ob es sich bei oben ge­nann­ten Mu­si­kern, Grün­dern oder Wis­sen­schaft­lern nur um Män­ner han­delt (gemäß kon­se­quen­tem Gen­dern) oder um Men­schen bei­der/al­ler Ge­schlech­ter (ge­ne­ri­sches Mas­ku­li­num), ent­ste­hen Miss­ver­ständ­nisse. Was aber soll man von einem Kon­zept hal­ten, das sich seine kon­se­quente An­wen­dung selbst nicht zu­traut? Mut zu Kon­se­quenz, liebe Gender-Freunde, meine Auf­merk­sam­keit ist euch gewiss!

Aber Vor­sicht: Wer die Sam­mel­nen­nung (in Form eines generischen Aus­drucks) ablehnt und statt­dessen die Einzel­nennungen be­vor­zugt, muss höl­lisch auf­passen, dass er nicht jeman­den ver­gisst. Nie­man­den aus­zu­grenzen, ist das nicht der An­spruch, den die Gender­be­für­worter an sich stellen? Doch zu den viel­leicht „Mit­gemeinten“, aber nicht „Mit­genannten“ ge­hören auch die­jenigen, die sich weder dem männ­lichen noch dem weib­lichen Ge­schlecht zu­ge­hörig fühlen. Die konnten sich in dem alle ein­schließen­den gene­ri­schen Mas­ku­li­num („Bürger“) besser wieder­finden als in dem den Rest aus­schließen­den Aus­druck „Bürgerinnen und Bürger“. Konsequenz der un­voll­ständigen(!) Einzel­nennung.

3. Partizipialformen

Das Par­ti­zip Prä­sens be­schreibt die Gleich­zei­tig­keit von Hand­lungen oder Hand­lungen im ge­nann­ten Mo­ment: Zeitung lesend, trinke ich mei­nen Kaf­fee. Wäh­rend ich eine Zeitung lese, bin ich ein Lesender. Sobald ich damit fertig bin, bin ich kein Le­sen­der mehr, aber immer noch ein Zeitungs­leser. Ein Leser ist also nur im Mo­ment des Lesens ein Lesender.

Um Frauen „sicht­bar“ zu machen, wur­den zu­nächst „Stu­den­ten“ aus Vor-Gender-Zeiten zu „Stu­den­tinnen und Stu­den­ten“, „Fuß­gänger“ zu „Fuß­gänger­innen und Fuß­gängern“, „Rad­fahrer“ zu „Rad­fahrer­innen und Rad­fahrern“ und so weiter. Die Sprache wurde sexu­ali­siert, Hörer und Leser mit wieder­holter Nen­nung der weib­lichen und männ­lichen Plural­formen ge­lang­weilt und der Text auf­ge­bläht.

Dessen waren sich die „Gen­dern­den“ ver­mut­lich auch be­wusst und ent­deck­ten die substan­ti­vierte Form des Par­ti­zip Prä­sens als Not­lösung: „Stu­dent­innen und Stu­den­ten“ waren von nun an „Stu­die­rende“. Dabei ignorierte man aber, dass diese Personen meist nur tagsüber „Stu­die­rende“ sind, abends sind sie mög­lich­er­weise „Trinkende“ und nachts hoffent­lich „Schla­fende“, gendersprachlich korrekt sogar schlafende Studierende.

Ein Beispiel aus jüngerer Zeit: Autofahrende stecken fest. So zu finden am 29.11.2021 im Spiegel. Nachdem das einigen Lesern aufgefallen war, versuchte der Spiegel sich dieses Widerspruches zu entledigen: Statt „Autofahrende stecken [..]fest“ heißt es jetzt „Hunderte Franzosen stecken [..]fest“. Aber so richtig hat man die Spuren der Peinlichkeit nicht wegwischen können. Sowohl in der Adresszeile als auch in der Pfad-Angaben steht noch der ursprüngliche Text (Startseite > Panorama > Frankreich:Autofahrende stecken wegen Neuschnee stundenlang auf Autobahn fest, Stand: 27.01.2022).

Diese Par­ti­zi­pial­formen sind zwar geschlech­ter­neutral, dis­kri­mi­nie­ren also nie­man­den, aber „sicht­bar“ werden die Frauen durch diese For­men jeden­falls nicht. Aber viel­leicht sind viele ja schon damit zu­frie­den­ge­stellt, dass die Männer dadurch „un­sicht­bar“ werden. Um aber die an­geb­lich mangelnde Sicht­bar­keit von Frauen zu er­rei­chen, soll­ten die Ver­fech­ter die­ser Theo­rie doch lieber bei den „Stu­dent­innen und Stu­den­ten“ blei­ben. Dann je­doch tritt der oben er­wähn­te, die Hörer oder Leser lang­wei­len­de Effekt ein. Mit an­de­ren Wor­ten: Der Rück­griff auf die Par­ti­zi­pial­form ist nichts ande­res als ein Ein­ge­ständ­nis der kon­zep­tio­nellen Unzu­läng­lich­keit und prak­ti­schen Un­taug­lich­keit der Gender­sprache.

Aber die Par­ti­zi­pi­al­for­men haben noch eine wei­te­re Funk­tion. Offen­bar wis­send um die feh­len­de „Sicht­bar­keit“ der Frauen bei der Ver­wen­dung die­ser Formen haben ihre Be­für­worter aus der Not eine Tugend gemacht und den Par­ti­zi­pi­al­for­men einen neuen Zweck zu­ge­dacht, näm­lich den eines wich­ti­gen Iden­ti­täts­merk­mals der Gender­sprachler.

Sage ich z.B. „For­schende“ statt „For­scher“, bin ich aus Sicht der „Gendern­den“ einer der Ihren, ein „Guter“ also, sage ich es nicht, stehe ich nahe am rech­ten Rand. In­wie­weit das gül­ti­gen Gram­matik­regeln ent­spricht, ist ange­sichts des „hehren Ziels“ ab­so­lut zweit­rangig. Das führt nicht selten zu un­sin­ni­gen Aus­drücken wie „Ur­lau­bende“ oder „Polar­for­schende“, also zu Par­ti­zi­pi­al­for­men von Ver­ben, die es gar nicht gibt. Aber es geht noch besser: „Die drei Kanz­ler­kan­di­die­ren­den“ (aus vergangenen Wahlkampfzeiten). Es soll sich hier wahr­schein­lich um das Par­ti­zip Prä­sens des Verbs „kanz­ler­kan­di­die­ren“ handeln, dumm nur, dass dieses leider nicht ge­schlech­ter­neut­ral ist.

Derlei Verrenkungen finden sich auch auf Internet-Seiten von Gender-Sprachalternativen, z.B. Geschickt Gendern.

Einige Beispiele daraus (die dazugehörigen Verben, die Sie möglicherweise noch nicht kannten, in Klammern):

Aktionäre  ⇒  Aktien-/Anteilshabende („aktienhaben“, „anteilshaben“),
Alpinisten  ⇒  […]; bergbesteigende Personen; […]; Bergkletternde („bergbesteigen“, „bergklettern“),
Autoren  ⇒  […]; Urheberrechtsinhabende; […]; Literaturschaffende; („urheberrechtsinhaben“, „literaturschaffen“),
Fahrschüler (pl.)  ⇒  Fahrlernende („fahrlernen“),
Gesetzgeber  ⇒  […]; gesetzgebende Instanz; Gesetzgebende („gesetzgeben“),

Kleiner Tipp: Schalten Sie die Rechtschreibkorrektur in Ihrem Schreibprogramm aus.

4. Entpersonalisierung der Sprache:

Um Beidnennungen der Geschlechter zu vermeiden und auch das Partizip Präsens nicht überwiegend grammatikalisch falsch einsetzen zu müssen, bietet die deutsche Sprache noch eine weitere Möglichkeit, dies zu erreichen. Man vermeidet es, die betreffenden Personen zu nennen, wählt dafür lieber einen abstrakten Ausdruck, der zwar meist umständlich und spröde ist, aber immerhin grammatikalisch korrekt die Menschen auf ihre Rolle bzw. Funktion reduziert. „Lehrerinnen und Lehrer“ sind nicht nur „Lehrende“, sondern auch „Lehrkräfte“. Letzteres waren sie im Amtsdeutsch auch schon in Vor-Gender-Zeiten, aber jetzt greift man verstärkt auf derartige Ausdrücke zurück. Ein paar Beispiele (entnommen aus Geschickt Gendern):

Abteilungsleiter (sg.)  ⇒  Abteilungsleitung,
Administrator  ⇒  Administration; Admin,
Alleskönner  ⇒  Multitalent; Universalgenie; […],
Anbieter (sg.)  ⇒  Angebot (von …); Herstellung; […],
Anfänger (pl.)  ⇒  Unerfahrene; […]; Beginnende; Neulinge,
Anführer (sg.)  ⇒  Führungsfigur; […]; Führung; Leitung; […]; Oberhaupt,
Anhängerschaft  ⇒  Gefolgschaft,
Ansprechpartner (sg.)  ⇒  Ansprechperson; Kontakt; […]; Auskunft gibt … ; zuständig ist … ; […],
Beamte (pl.)  ⇒  Bedienstete; Beamtenschaft,
Begleiter  ⇒  Begleitung,
Bürgerkrieg  ⇒  Volkskrieg,
Direktor  ⇒  Leitung [z.B. Schulleitung; Institutsleitung; Museumsleitung],
Einwohner (pl.)  ⇒  […]; Population; Bevölkerung; […],
Erzieher (sg.)  ⇒  pädagogische Fachkraft; Erziehungskraft,
Experte (sg.)  ⇒  Fachgröße; Autorität; Koryphäe; Person vom Fach; Genie,
Fahrerkabine  ⇒  Fahrkabine; Steuerungskabine,
Führerschein  ⇒  Fahrerlaubnis; Fahrberechtigung,
Gärtner  ⇒  Gartenarbeitskraft,
Gastwirt  ⇒  Gastronomiebetriebsleitung,
Gewinner (sg./pl.)  ⇒  Erster Platz,
Rednerpult  ⇒  Redepult.

Ich höre hier auf. Mir reicht’s. Bitte keine Sprachpolizei! Ich möchte mir meinen Wortschatz nicht von Gender-Eiferern stutzen lassen. Wenn man sich diese und ähnliche Hilfsangebote anschaut, kann man sich des Eindrucks nicht erwehren, dass hier nicht nur das generische Maskulinum, sondern alles Männliche als solches am Pranger steht.

Oder um es ganz sachlich zu sehen: Die handelnden Personen werden aus der Sprache entfernt und durch ihre Handlungen ersetzt. Wo die früher angeblich Unsichtbaren durch die Gendersprache in Erscheinung treten sollen, geraten sie durch die Entpersonalisierung der Sprache wieder in das Reich der Unsichtbarkeit. Worin liegt da wohl der Gewinn?

5. Gendern im Singular:

Auch wenn das generische Maskulinum hauptsächlich im Plural (die Bürger) zum Einsatz kommt (als Sammelbegriff für beide / alle / unbestimmte Geschlechter) und auch in diesem Zusammenhang bekämpft wird, existiert es auch im Singular: „Ein Besucher hat seinen Schirm vergessen“, „kann mal einer einen Arzt rufen“.

In geschriebener Form lassen sich die gegenderten Versionen dieser Ausdrücke noch verstehen: „Ein*e Besucher*in hat seinen / ihren Schirm vergessen“, „kann mal eine*r eine*n Arzt / Ärztin rufen“, auch wenn man Nicht-Muttersprachlern damit das Deutschlernen nicht gerade leichter macht. Aber man sollte diese Ausdrücke auch sprechen können.

Welche Lösungsmöglichkeiten dafür könnten in Betracht kommen?

1. Man spricht es so aus wie man es schreibt. Viel Spaß!

2. Verwendung von Partizipialformen: „Besuchende haben ihre Schirme vergessen.“ Dies führt jedoch a) zu grammatikalischen Fehlern und b) zu einem verändertern Inhalt (a: Besuchende, die keine mehr sind, da sie bereits gegangen sind, b: Plural wird verwendet), die ursprüngliche Aussage wird also verfälscht. Im Singular helfen Partizipialformen nicht weiter: „Ein Besuchender / eine Besuchende“.

3. Neutralformen: „Ein (oder ens?) Besuchens hat ens Schirm vergessen“, „kann mal ens ens A/Ä(?)rztens rufen“ frei nach Lann Hornscheidt oder „wir denken uns eine neue Sprache aus“.

4. Der Glottisschlag: „Ein[Pause]e Besucher[Pause]in hat seinen / ihren Schirm vergessen“, „kann mal eine[Pause]r eine[Pause]n Arzt / Ärztin rufen“.

Versuchen Sie doch einmal, die Glottisschlag-Variante auszusprechen, vor allem den zweiten Ausdruck, abgesehen davon, dass damit das „Arzt / Ärztin“-Problem nicht gelöst ist. Da klingt fast schon die „ens“-Variante besser.

Wer immer noch nicht gemerkt hat, dass dieses Sprachgendern geradewegs in immer tiefere grammatikalische Verstrickungen führt, dem kann ich auch nicht mehr helfen. Nur weil eine gewisse Luise Pusch die These aufgestellt hat, dass eine Nichtnennung einer Gruppe (die der Frauen) mit einer Diskriminierung derselben gleichzusetzen sei, da sie dadurch „unsichtbar“ seien, und diese These von Frau Puschs blindgläubigen Verehrerinnen mantrahaft nachgebetet wird, muss sie noch nicht wahr sein. Nach meiner Erfahrung sind selbstbewusste Frauen nie unsichtbar. Das Problem könnte also ganz woanders liegen. Aber wenn der Wahnsinn erst einmal zu Normalität geworden ist, dann ist die Kaiserin im Genderkleid in Wirklichkeit nackt, dann wird der gesunde Menschenverstand zur Aussenseitermeinung.

Ich stelle fest: Es ist augen­fällig, dass hier an der Spra­che herum­ge­bas­telt wird, dass aber die Re­sul­tate nicht zu­sam­men­passen. Sie wer­den not­dürf­tig ge­kittet, wo­bei nur wie­der neue Flick­stel­len ent­ste­hen. Was bleibt, ist Flick­schus­ter­ei, die den Kern des Prob­lems ig­no­riert: Man hat sich ver­rannt, will oder kann es sich aber (noch) nicht ein­ge­stehen.

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