Mogelpackung Gender-Leitfaden
Veröffentlicht am 2. 11. 2025, aktualisiert am 10. 11. 2025.
Sprache schafft Wirklichkeit, behaupten Befürworter der sogenannten gendergerechten Sprache. Sie haben recht – im nachfolgend beschriebenen Punkt.
Das Genus ist das sprachliche Geschlecht, der Sexus das biologische. Obwohl es sich um grundverschiedene Kategorien handelt, werden beide als Geschlechter bezeichnet. Verwechslungen sind damit vorprogrammiert. Das zeigt sich besonders dann, wenn vom Geschlecht in der Grammatik die Rede ist, denn die „meisten Menschen denken bei dem Wort Geschlecht an Männer und Frauen“, weiß die Bundeszentrale für politische Bildung.
Ähnlich ist es mit dem Adjektiv „männlich“. Der Duden nennt dafür vier Bedeutungen in dieser Reihenfolge:
1. „dem Geschlecht […] angehörend, das bewegliche Keimzellen bildet und Eizellen befruchten kann“ (rein biologische Bedeutung),
2. „zum Mann als Geschlechtswesen gehörend“ (u. a. „männliche Stimme“),
3. „für den Mann typisch, charakteristisch“ (u. a. „eine typisch männliche Eigenschaft“),
4. u. a. „dem grammatischen Geschlecht Maskulinum zugehörend; im Deutschen mit dem Artikel „der“ verbunden“ (rein sprachliche Bedeutung).
Erst an die vierte Stelle platziert der Duden die sprachliche Bedeutung und dürfte sich damit an der Rangliste dieser Bedeutungen in der deutschen Sprachgemeinschaft orientieren.
Aus diesem Grund nennen Sprachwissenschaftler das grammatische Geschlecht Genus und die einzelnen Genera maskulin, feminin oder Neutrum, statt „männlich“, „weiblich“ oder „sächlich“. Das hilft, sich der verwendeten Kategorie, sprachlich oder biologisch, bewusst zu werden und beugt Verwechslungen vor.
Nun ist niemand verpflichtet, sich an diese Empfehlung zu halten. Auch Formulierungen wie „grammatisch männlich“ sind denkbar, solange sie den Bezug zur betreffenden Kategorie (hier sprachlich) eindeutig erkennen lassen.
Wenn man allerdings Missverständnisse in Kauf nehmen will oder es gar darauf anlegt, dass einzelne Formulierungen bewusst missverstanden werden, dann wird man es bei dem Bedeutungspaar „männlich“ / „maskulin“ nicht so genau nehmen, im Gegenteil, dann erfüllt gerade die unscharfe Benennung genau ihren Zweck.
Dann finden sich Sätze wie dieser im Gender-Leitfaden der Stadt Emsdetten:
„Das generische Maskulinum, also die Verwendung der männlichen Form mit dem gleichzeitigen „Mitmeinen“ von Frauen ist auch heutzutage noch weit verbreitet.“
„Männliche Form“. Wem kämen dabei nicht Männer in den Sinn – und „unsichtbare“ Frauen, die nur „mitgemeint“ seien?
Dieser Effekt wäre dahin, würde man sich genauer ausdrücken:
„Das generische Maskulinum, also die Verwendung der maskulinen Form mit dem gleichzeitigen „Mitmeinen“ von Frauen ist auch heutzutage noch weit verbreitet.“
„Männer“ tauchen in diesem Satz jetzt nicht mehr auf und ein „Mitmeinen“ von Frauen wäre dann alles andere als folgerichtig.
Soll man die Verwendung von „männlich“ statt „maskulin“ nun als Nachlässigkeit werten, als unscharfe Trennung von Begrifflichkeiten? Oder vielleicht als gutgemeinte Vereinfachung zu „leichter Sprache“, damit auch der (oder die) Dümmste es versteht? Und überhaupt, wen, außer belesene Akademiker in ihren Elfenbeintürmen, die sich mit solchen semantischen Spitzfindigkeiten die Zeit vertreiben, interessiert das schon?
Doch dahinter steckt mehr. In nahezu jedem Leitfaden, den eine universitäre Einrichtung herausgibt, ist im Zusammenhang mit der grammatischen Kategorie Genus von „männlichen“, bzw. „weiblichen“ Formen die Rede, ein klärendes, die betreffende Kategorie benennendes „Grammatisch“ fehlt allerdings. Fast nie sind grammatische Formen „maskulin“ oder „feminin“, fast immer sind sie „männlich“ oder „weiblich“.
Ich habe einige dieser Leitfäden unter die Lupe genommen und die Anzahl der Nennungen (im Kontext Genus) von „männlich“ im Vergleich zu „maskulin“ ermittelt. Um Doppelzählungen zu vermeiden, wurde nur das Begriffspaar „männlich“ (x) vs. „maskulin“ (y) untersucht und als [x / y] wiedergegeben. Das generische Maskulinum wurde als feststehender Begriff nicht mitgezählt:
– Leitfaden der TU Berlin: [4 (männlich) / 1* (maskulin)] (1* steht hier für eine korrekt zitierte wissenschaftliche Publikation, die vorgegeben ist und daher als 0 gewertet werden muss.)
– Leitfaden der Uni Köln: [12 / 1*]
– Leitfaden der Hochschule Darmstadt: [8 / 2]
– Leitfaden der HU Berlin: [6 / 0]
– Leitfaden der TU Dresden: [5 / 0]
– Leitfaden der Uni Marburg: [7 / 1*]
* korrekt zitierte wissenschaftliche Publikation, Zählwertung = 0.
Man könnte an anderen Universitäten so weiterverfahren und würde im Wesentlichen die gleichen Beobachtungen machen: Zwischen Genus und Sexus wird in der Regel nicht unterschieden, „männlich“ wird synonym zu „maskulin“ verwendet.
Und warum? Traut man den Studenten nicht zu, den Unterschied zwischen Genus und Sexus konzeptionell zu erfassen? Immerhin haben doch alle Studenten die Hochschulreife. Oder ist das Abitur in diesen Zeiten kein Zeugnis intellektueller Grundfähigkeiten mehr?
Nein, hier geht es um „Größeres“: Den Unterschied zwischen Genus und Sexus kennen die Verfasserinnen dieser Leitfäden durchaus, doch dieser soll bewusst verschleiert werden, damit die zentrale Genderthese, das Maskulinum „meine“ nur männliche Personen, nicht ins Wanken gerät. Dem „männlichen Genus“ („männliche Form“) wird ein weiblicher Sexus (Frauen) gegenübergestellt, in der Hoffnung, dass sich dieser falsche Gegensatz als solcher in der Vorstellung der Leser niederschlägt.
Dazu einige Beispiele [und meine Kommentare dazu]:
– „Auch Damen haben hier grammatikalisch das männliche Geschlecht“ (Leitfaden der Uni Köln).
[Hier wird bewusst vom „männlichen Geschlecht“ gesprochen, man hätte es auch gleich „Geschlecht der Männer“ nennen können, denn genau so soll dieses „Geschlecht“ vom Leser verstanden werden. Nicht auszuschließen, dass dabei sogar an einen sexuellen Übergriff gedacht wird. Dass dieses Geschlecht „grammatikalisch“ (sic!) ist, geht in der Formulierung (in adverbialer Verwendung) eher unter. Was bleibt, ist das Gefühl einer „männlichen Dominanz“, die vor den Damen nicht haltmacht.]
– „Das „generische“ männliche Geschlecht spiegelt die Realität nicht wahrheitsgemäß wider.“ (Leitfaden der Uni Hohenheim).
[Statt vom generischen Maskulinum zu sprechen, ist hier die Rede von einer generischen „Männlichkeit“. Das Genus wird als Sexus verkauft, wie vegane Milch von glücklichen Kühen, eine sprachliche Mogelpackung. Zumindest kommt es den Verfasserinnen der Leitfäden nicht ungelegen, wenn das „angebotene“ Genus vom Leser als Sexus „gekauft“ wird. Dem Genus „maskulin“ wird ein sexuelles „Männlich“ übergestreift, mit der subtilen Botschaft, das generische Maskulinum sei in Wahrheit etwas biologisch Männliches.
Dabei ist das „Generische“ am generischen Maskulinum nicht sein „Geschlecht“, schon gar nicht das biologisch männliche. Das „Generische“ an ihm ist die biologische Geschlechtslosigkeit, also das Fehlen sowohl von biologischer Männlichkeit als auch von biologischer Weiblichkeit sowie aller Zwischenformen. Gerade das macht es so inklusiv und universell einsetzbar.]
– „Gendern wir also nur mit dem männlichen Genus, führt dies nicht nur gelegentlich zu Missverständnissen, es schafft auch chancenungerechte Wirklichkeiten – Wirklichkeiten, die von männlichen Bildern und folglich Barrieren geprägt sind“ (Leitfaden der TU Dresden).
[Hier werden Missverständnisse geradezu herausgefordert. Scheinheilig wird eine Wirklichkeit (der „männlichen Bilder“, gemeint sind Bilder von Männern) beklagt, die durch die Verwendung von „männlich“ statt „maskulin“ im Kontext Genus erst geschaffen wird. Ausdrücke wie „männliches Genus“ im genannten Leitfaden führen genau zu dieser fehlerhaften Wahrnehmung, bei der jede maskuline Form als „männlich“ verstanden werden soll und viel zu häufig auch wird. Dann entsteht schnell das Bild einer „Übermacht des Männlichen“ zum Nachteil der Frauen, das allmählich ins gesellschaftliche Bewusstsein einsickert und sich dort verfestigt. Mit diesen „männlichen Bildern“ schafft man sich die Wirklichkeit, die man als Begründung für eine „gerechte“ Sprache braucht. Würde man das Genus als „maskulin“ bezeichnen, käme es kaum zu den „männlichen Bildern“.]
Zusammenfassend lässt sich sagen: Liest man diese Leitfäden (und vergleichbare Texte), begegnet einem im Zusammenhang mit „Geschlecht“ fast nur das Attribut „männlich“. Das „Männliche“ ist nicht zu übersehen, es ist omnipräsent. Das generische Maskulinum wird als generische (biologische) Männlichkeit behandelt, mehr noch, es wird dafür gesorgt, dass es von anderen auch genau so interpretiert wird. Man weiß sehr wohl, was der Durchschnittsleser mit „männlich“ verbindet. Daher verlässt man bewusst die Ebene der sachlichen Beschreibung eines Sachverhalts (maskulines Genus) und begibt sich auf die Gefühlsebene („männliches Geschlecht“). So wird „ganz nebenbei“ eine diffuse Wahrnehmung einer „männlichen“ Sprache, einer „Sprache der Männer“ (Luise F. Pusch), hervorgerufen. Das erzeugt Sympathie für die Gendersprache und Verachtung der Sprache, die seit Jahrhunderten gebräuchlich ist. Das ist die Wirklichkeit, die durch diese unpräzise, vernebelnde Sprache geschaffen wird.
Mir kann keiner erzählen, dass das nicht gewollt ist. Wäre man präzise in der Wahl der Begriffe, würde das der einseitigen Argumentation und somit dem Erreichen der Gendersprachziele eher schaden als nützen. Viel effektiver ist es, an das Gefühl zu appellieren, denn man kennt sehr wohl die Wirkung von Emotionen: Wenn alles so „männlich dominiert“ ist, dann wird es aber höchste Zeit, dem etwas „Weibliches“ entgegenzusetzen.
Schlimm, dass dies an Hochschulen passiert, schlimmer, dass Lehramtsabsolventen dieser Hochschulen später an Grundschulen diese Sicht der Dinge an Grundschüler weitergeben werden. Noch schlimmer ist aber, dass inzwischen immer größere Teile der (weiblichen) Bevölkerung dieses Gefühl „männlicher Überpräsenz“ in der Sprache nachempfinden.
Handelt es sich bei Leitfäden dieser Art bereits um Indoktrination? Ich zitiere die Definition der Bundeszentrale für politische Bildung:
„I. [Indoktrination] bezeichnet eine gezielte, massive Manipulation der Einstellung, Meinung oder Werthaltung von Individuen oder (gesellschaftlichen) Gruppen durch gesteuerte, einseitige Information, unter Einsatz psychologischer Techniken oder unter Zwang. Ziel ist die Unterdrückung selbstständigen Denkens, die Verhinderung (politischer) Kritik und/oder eine ideologische Gleichschaltung.“
Schafft Sprache also Wirklichkeit? Als Indoktrination bestimmt. Inwieweit dies hier zutrifft, mag jeder selbst entscheiden.
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